2004!!!!!!!! Hallooooooooooooooooo- ist jetzt jemand da?

„Kinder und Jugendliche können nicht immer tun, was sie wollen,

aber sie müssen wollen können, was sie tun.“

 

Jean Piaget

 

 

Unser Interventionsprogramm stellt für (mehrfach-)auffällige, aggressive Schüler eine

von Erfolg begleitete, gezielte Intervention dar, die seine präventive Wirkung nachge-

wiesen hat (vgl. im Überblick Weidner, Kilb und Jehn 2003, siehe auch Karstedt 2001).

Es ist eine Chance für die betreffenden Schüler, sich sozial weiterzuentwickeln und

weiter an Bildungsprozessen partizipieren zu können, statt einfach nur an den Rand

gedrängt zu werden. Unter diesem Aspekt eröffnet sich auch für die Berliner Schule

konkret die Chance und Möglichkeit, ein innovatives und erfolgreich erprobtes Modell

im schwierigen Umgang mit den „Schwierig(st)en“ zu erproben und Schritt für Schritt,

eine Lücke in der schulischen Gewaltprävention zu schließen (siehe Büchner und Ziegler

2004).

 

Allerdings weisen Büchner und Ziegler (2004) an dieser Stelle ausdrücklich darauf hin,

dass sich damit Anforderungen an die Pädagogen verbinden, der sie mehr Beachtung

schenken müssen als bisher. Gefordert ist eine zielgerichtete Weiterentwicklung der

schulischen Gewaltprävention. Es reicht nicht mehr aus, Hilfen allgemein anzubieten

und jeden Studien- oder pädagogischen Tag sowie Fortbildungsangebote, die ihre

Alltagstauglichkeit nicht nachgewiesen haben und sich undifferenziert an alle Schüler

richten, als Gewaltprävention auszugeben. Natürlich sind darin auch Anteile, die für

Kinder, die gegen Gesetze verstoßen haben, hilfreich sind. Zunehmend wichtiger ist die

Hinwendung der schulischen Gewaltprävention zu den schwierigen Kindern und

Jugendlichen, zu denen, die oft als „unerreichbar“ oder „hoffnungslose Fälle“

bezeichnet werden. Dazu ist von Seiten der Schule eine enge und selbstbewusste

Kooperation mit allen Beteiligten in der Gewaltprävention erforderlich. Die Klarheiten

über eigenes und fremdes Handeln müssen vorhanden sein. In dieser Kooperation

besteht eine wesentliche Aufgabe darin, stets parteilich und – wenn erforderlich – streitig

die Interessen der Kinder und Jugendlichen auf Integration und Förderung einzubringen

und Exklusion zu vermeiden; diese auch gegen Widerstand durchzuhalten und

schließlich gemeinsam mit der Jugendhilfe durchzusetzen.

 

Im Hinblick auf die Rolle und Funktion der Schule in diesem Zusammenhang kommt der

Arbeitskreis „Konfliktfeld Schule“ beim 26. Deutschen Jugendgerichtstag 2004 in

Leipzig zu folgendem Ergebnis: „Der derzeitige Zuschnitt des Schulsystems ist nicht

geeignet, den Herausforderungen einer sich schnell wandelnden, von Zuwanderung,

Integrationserfordernissen, Globalisierung sowie lebenslangem Lernen geprägten Gesellschaft zu begegnen.

Der zentrale Mangel liegt in der Vernachlässigung eines umfassend

verstandenen Erziehungsauftrages und der mangelnden Integration der verschiedenen

an Erziehung und Bildung beteiligten Institutionen. Folgen sind mangelnde Integration,

Ausgrenzung und – über Schulmüdigkeit, Schulschwänzen bis hin zu Schulverweigerung -zu beobachtende Selbstausgrenzung von Schülerinnen und Schülern. All dies sind nach kriminologischem Wissen relevante Hintergründe von Kriminalität und normabweichendem Verhalten.

Insofern sind Sicherung von Bildung und Kriminalprävention auf das

Engste miteinander verknüpft.“ (DVJJ 2004).

 

Übereinstimmung sollte nach Büchner daher darüber bestehen, dass zukünftig die

Erziehungs- und Handlungskompetenzen der Lehrkräfte gestärkt werden und gewalt-

präventive Angebote unabhängig von Konjunkturen weiter entwickelt werden müssen.

Denn für die betroffenen Kinder und Jugendlichen ist es egal, ob die Anzahl der

gemeldeten Gewaltvorfälle und der polizeilich Tatverdächtigen im Vergleich zum Vorjahr

um 2% gestiegen oder gefallen ist. Die Zahlen sagen nichts über den erzieherischen

Bedarf. Nicht die (vorgeworfenen) Straftaten, sondern der erzieherische Bedarf muss

zukünftig das entscheidende fachliche Kriterium nicht nur der Jugendhilfe, sondern auch

der Schule sein.

 

Es kann bereits jetzt ein steigender Bedarf prognostiziert werden: die Risiken und

Unsicherheiten im Aufwachsen junger Menschen werden in Zukunft sicherlich

zunehmen und bereits jetzt sind, wie die Tagung zeigte, besondere Gruppen, wie

Jungen und männliche Migranten, betroffen. Die Fachtagung hat aber auch unabweis-

bar belegt, dass sich insbesondere Lehrer zunehmend überfordert fühlen und unsicher

sind, wie sie auf diese Entwicklung und die damit verbundenen erzieherischen Anforde-

rungen reagieren können. Es liegt daher in der fachlichen Zuständigkeit der Schule für

diese Kinder und Jugendlichen nicht nur erfolgreich erprobte neue Handlungskonzepte

bereitzustellen, sondern auch politisch dafür einzutreten, dass die entsprechenden

intensiven und professionellen Fortbildungsangebote dort bereitgehalten werden, wo sie

notwendig sind. Die Schule trägt Verantwortung dafür, dass auch künftig die

umfassende Wahrnehmung ihres Erziehungsauftrages vor Populismus geht (siehe

Büchner in dieser Tagungsdokumentation).

 

 

Literatur

 

Büchner, R., Ziegler, M.: „Was tun mit den Schwierig(st)en?“ Ein Interventions- und

Trainingsprogramm für (mehrfach-)auffällige, aggressive Schüler in der Berliner Schule.

Unveröffentlichtes Manuskript 2004.