Bemerkungen zu „Neues von Stefan III“

Du hattest um Meinungen gebeten zu dem Video von Nas Daily – Why Justice doesn’t exist.

Da heißt es bei 2:40min sinngemäß: Opfer müssen vergeben, weil sie die einzigen seien, die etwas zu geben hätten. Öhm. Wenn jetzt also Vergebung zur Pflicht wird, ist das ein stilles Einverstandensein mit der Tat des anderen eingebaut? Dann kriege ich also zukünftig aufs Maul (oder meine Familie oder meine Freunde oder oder) – und muss mir dann wohl vorwerfen lassen, dass ich in Vergebung nicht kompetent genug bin? Und mal empathischer sein soll für das Leiden der Mächtigen, die das Schwert oder die Machete oder das Geld oder meinen Arbeitsvertrag in der Hand haben?
Ich habe Vergebung als eine Möglichkeit der Emanzipation verstanen. Es ist _eine_ Möglichkeit, eine Spirale aus Trauer, aus Wut, aus Ohnmacht zu beenden. Es ist Selbstermächtigung. Nicht abhängig zu sein vom Handeln des anderen, sondern sich zu lösen. Als Freifahrtschein habe ich sie nicht verstanden. Und wenn ich sehe, wie der Schlächter der Familie da fröhlich neben der überlebenden alten Frau Händchen drückt, dann bin ich befremdet, weil alles so relativierbar scheint. Joah, Du, Mensch, jaha, da hab ich den Leuten die Köpfe abgehauen. Banal. Die titanische Anstrengung hinter Vergebung wird zum fröhlich zugerufenen Lebensrat eines Youtubers, der ja irgenwie kompetent sein muss, weil er ja in Israel/Palästina lebt/ist/gelebt hat. Irgendwie. Und weil es ihn „wirklich bewegt hat“. Ja, genau, es gibt keine Gerechtigkeit. Ja, na klar ist Vergebung ein mächtiger Pfad. Und wenn ich mich nicht ganz täusche, ist es einer der anstrengendsten für Herz und Seele. Falls man es ernst meint damit.
Und was ist eigentlich mit „Entschuldigung“? Was ist eigentlich mit der guten alten Kunst, um Entschuldigung zu bitten? (statt sie einzufordern, zu verlangen). Was ist eigentlich mit der Kompetenz des Täters? Was zwangsweise bedeutet, die eigene Schuld überhaupt zu erkennen und auszuhalten und für das eigene Handeln volle Verantwortung zu übernehmen (statt es bei den Zeiten, den Umständen, den Hormonen oder dem Diktator abzuladen). Was ist mit „die eigene Schuld aus dem Erleben meines Opfers zu sehen, zu fühlen“? Was ist damit und mit der Entwicklung, die daraus entstehen mag?

Kurz: Wenn ich so kompetent vergebe, ist das eventuell gut für mein Herz. Aber vielleicht lade ich damit auch Schuld auf mich. Weil ich eine Welt voller Arschlöcher erschaffe, die ihrer Schuld entledigt sind. Einfach so.