carpe diem oder „dann sollen sie doch Kuchen essen!“

Die gedetoxte Gattin stand jugendlich und straff am Fenster und machte nach dem veganen Frühstück ihre Achtsamkeitsatemübungen.
Die App steuerte die Maiglöckchenduft-Düsen des Raumbefeuchters im Takt ihres Herzens und sie spürte entspannt, wie ES in ihr atmete, wie ihr Tantien sich mit Chi füllte und wie das Leben durch ihre Faszien strömte.
Natürlich störte der Krach von der Straße, natürlich versperrten die Transparente die Sicht- aber mit der TV-Wand und der Tibet-CD ließ sich das ganz gut ausgleichen. Schade nur, daß der Postmann wegen den Chaoten garnicht bis zu ihrem Haus durchkam. Sehr schade.
`Hauptsache sie zerkratzen nicht den SUV`dachte sie insgeheim, aber schnell ließ sie die negativen Gedanken los und grüßte weiter die Sonne.
`Sie stehen da und singen für ein besseres Wetter`-so ein Unsinn! Als ob man das Wetter beeinflussen kann! (und wieso muß man dafür die Schule schwänzen?).
Natürlich-das weiß sie auch! Nicht alle Menschen besitzen diesen 3x5qm Bildschirm, nicht alle haben eine Klimaanlage und nicht alle können sich das leisten, was sich sie und ihresgleichen hart und ehrlich erarbeitet hat.
Aber muß deshalb gleich die ganze Zufahrt blockieren?
Und mal ganz im Vertrauen-wer noch nicht mal Geld übrig hat für vernünftige Regenkleidung oder ein Sonnensegel auf der Veranda, der hat irgendwas falsch gemacht in seinem Leben, oder?
Nach dem letzten langen Ausatemzug mit offener Kehle und sanfter Lippenbremse wurde es Zeit für ihre Aufgaben.
Sie hatte schließlich auch noch was anderes zu tun, aber da nunmal der Pöbel die Straße besetzt hielt, nahm sie sich in Ruhe die Einladungskarten für die diesjährige Humboldt-Feier vor- kein großer Aufwand, da doch dieselben Leute kamen, wie beim Lutherjahr oder beim Heinrich-Böll-Lesewettbewerb.
Vielleicht hatte ihr Mann doch recht mit dem Waffenschein- oder vielleicht doch die Dobermänner?
Ach naja- Hauptsache die Sonne geht jeden Morgen auf und ihre Sonnengrüße wirken weiter so lebenskraftspendend, wie sie es mag.
Man sollte mehr an das Positive denken und den Moment wieder genießen lernen.
Nutze den Tag so, als ob es Dein letzter Tag wäre- aber das verstehen diese Krawallmacher da draußen sowieso nicht!

Ja- es ist nicht ganz einfach, als Minderheit gegen diese einfältigen Vorurteile und Diskriminierungen anzukämpfen! Aber da sind wir schon mit ganz anderen Problemen fertiggeworden!