von Wolfgang 2018 (da kommt demnächst noch mehr)

Wolfgang Gratz                                                                                   www.wolfgang-gratz.at/        (siehe auch Publikationen)

 

Justizvollzug und die vier Tierbilder

 

Justizvollzugsanstalten sind besondere soziale Orte.

Sie sind schon von ihrer Funktion her geprägt von klaren Unterscheidungen (drinnen – draußen, Bewacher – Bewachte, Wahrer der Rechtsordnung – Rechtsbrecher). Dies führt tendenziell zu negativen Stereotypien zwischen Personal und Insassen.

Im Alltag herrscht ein eher rauer Umgangston. Studien zeigen ein Grundrauschen verbaler Gewalt in Alltagskommunikationen, aber auch nicht bloß ganz vereinzelte Formen der Gewalttätigkeit innerhalb der Insassen, aber auch zwischen Insassen und Personal, wobei hier gesetzlich legitimierte Formen von Gewaltausübung durch Justizwachebeamte im Vordergrund stehen.

 

Wenn man versucht,in der üblichen seminaristischenAtmosphärezu vermitteln, dass auch Beamte nicht nur gute Anteile haben und dassStrafgefangene auch positive Seiten haben, dass die Einhaltung von Normen auch

bei rechtschaffenen Bürgern nicht durchgängig ist, dann tut man sich ziemlich schwer

und hat in der Diskussion häufig nicht sehr viel zu gewinnen.

Ich habe zunächst persönlich die Erfahrung gemacht, dass es die besondere Stärke von A.K.T®ist, Abwehrhaltungen gegenüber differenzierten Wahrnehmungen und Verhaltensweisen ein Stück weit zu verflüssigen.A.K.T®stimuliert die Auseinandersetzung mit persönlichen undsozialen Tiefenstrukturen auf der nonverbalen Erlebnisebene.

Insbesondere bei den körperlichen Übungen zu den vier Tierbildern und dem Besprechen der leiblichen Erfahrungen, die hierbei gewonnen werden, entsteht persönliche Betroffenheit. Es wird nicht nur diealltägliche Mischung von Gut und Böse, sondern auch die Gleichzeitigkeit von Stärkeund Schwäche sichtbar.

Das sind Kernthemen im Strafvollzug. Man kann auf diese Weise Menschen ansprechen, die man auf der bloßverbalen Ebene nicht erreicht.

 

Es gab daher im österreichischen Justizzug eine mehrjährige Phase, in der A.K.T®schrittweise in die Fortbildung und dann auchin die Ausbildung von Justizwachebeamten eingebaut wurde. Aufgrund verschiedener personeller Änderungen, aber auch wegen eines sich nicht unbedingt zum Guten ändernden Klimas im österreichischen Justizvollzug führt A.K.T® derzeit lediglich ein Nischendasein.

Im Folgenden sei jedoch von den gemachten positiven Erfahrungen berichtet.

 

Es zeigte sich, dass ein Teil der Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit den vermittelten Botschaften: Du musst dich auseinandersetzen mit deiner eigenenDestruktivität, du musst dich mit ihr beschäftigen und du musst dich darauf einlassen,auch im Täter etwas Achtenswertes zu sehen, etwas anzufangen wusste, ein anderer Teil aber nicht. Jedenfalls eignet sich A.K.T®mit seinen vier Tierbilder deutlich besser, persönliche Lern- und Reflexionsprozesse und Änderungen oder auch Verfeinerungen der persönlichen Berufshaltung anzustoßen, als dieüblichen Methoden der Erwachsenenpädagogik.

Um etwas konkreter zu werden:

 

Mit dem Bild des Bären kann man Justizwachebeamte gut erreichen, wird doch im österreichischen Strafvollzugsgesetz (§ 22) gefordert, die Strafgefangenen mit „Ruhe, Ernst und Festigkeit“ zu behandeln. Auch gehört es zum Berufsbild, sich durchzusetzen.

Darauf aufbauend vermittelten wir auch, dass die Sorge für sich und andere und das Schaffen einer geborgenen Atmosphäre auch zum Bären gehört.

 

Der Alltag im Strafvollzug besteht zu wesentlichen Teilen in einem von Routinen geprägten Einerlei, das nur allzu leicht in seiner Monotonie zu einer persönlichen Unterforderung und zum Verkümmern persönlicher Fähigkeiten führt. Im Vordergrund steht das Ziel, den jeweiligen Arbeitstag oder auch den Nachtdienst ohne besondere Aufregungen und Anstrengungen hinter sich zu bringen.

Mit dem Bild des Kranichs, der für Aufbruch und Neubeginn steht, regten wir an, persönliche Ziele zu formulieren und zumindest kleine Änderungen im beruflichen Alltag auszuformulieren und umzusetzen, so zum Beispiel eine differenzierte Sichtweise auf Inhaftierte und einen achtsamen Umgang ihnen oder auch eine bessere persönliche Abgrenzung von Formen der Destruktivität, die einem im beruflichen Alltag entgegenschlagen. Wachsamkeit muss keine argwöhnische Einengung bedeuten, sie kann auch eine Erweiterung des Horizonts und mehr Überblick bedeuten. Es ist möglich, sich über die Schwere der Institution Gefängnis zumindest phasenweise hinwegzuschwingen und aus einer distanzierten Position Abgrenzung, Anflüge von Leichtigkeit und Beweglichkeit zu schöpfen.

 

Das Wehrhafte des Tigers war an Justizwachebeamte gut heran zu bringen, nicht ganz so leicht war es allerdings zu vermitteln, dass Gewalt eine Lösung, jedoch die allerletzte sein soll. Sich bei jemand durchzusetzen durch die Wirkmächtigkeit persönlicher Beziehungen, die Kraft von Worten, die den anderen in seinem Inneren erreichen, weil sie aus dem eigenen Inneren kommen, war ein spannendes Thema, ebenso, dass man sich auch die Erlaubnis geben kann, sich nicht durchzusetzen, sondern andere gewähren zu lassen, solange sie für ihre Umgebung nicht schädlich wirken und einen selbst nicht in Schwierigkeiten bringen.

 

Im beruflichen Alltag imJustizvollzug geht es stark um die Dichotomie: sich selbst durchsetzen, also von anderen Anpassung zu verlangen versus sich selbst in die Institution reibungslos einzufügen, dem hohen Gruppendruck, wie er in einem uniformierten Wachkörper besteht, nachzugeben, sich selbst also anzupassen und sich somit dabei auch ein Stück aufzugeben.

Das Bild der Schlange stieß Auseinandersetzungen über differenziertere Formen der Balance von Selbst- und Fremdanpassung an, aber auch darüber, welche Formen von Freude und Spaß an der Arbeit erkannt und wahrscheinlicher gemacht werden können.

 

Man kann den Episodencharakter von A.K.T® mit seinen vier Tierbilder als Teil von Aus- und Fortbildung von Justizwachebeamten mit konkreten Abläufen, personellen Veränderungen und bestimmtenEntscheidungen erklären. Man kann ihn aber auch so verstehen, dass ein Unterschied erzeugt wurde, der dem System Justizvollzug zu groß war, nicht zuletzt deshalb, weil sich dieses System in eine Gegenrichtung, nämlich hinzu mehr Starrheit und vermehrten negativen Stereotypien und verstärkten Abgrenzungsbedürfnissen entwickelte.

Was jedoch geblieben ist, sind persönliche Veränderungen und Weiterentwicklungen, die mit den vier Tierbilder in einer Reihe von Menschen angestoßen wurde. Wie ich aus verschiedenen persönlichen Kontakten weiß, gehen etliche mit ihrer beruflichen Rolle bewusster, achtsamer und somit auch ein Stück menschengerechter um. Es gibt auch einige, die das Erfahrene und Erlernte in der Arbeit mit Insassen und anderen Menschen umsetzen.

Die vier Tierbilder kann man aus Ausbildungsplänen und Curricula entfernen, nicht aber aus dem Inneren von Menschen, die erreicht, berührt und bewegt wurden.

Auch ich fühle mich bereichert und danke Thomas Brendel und Gertrud Schröder hierfür.